ganz kurz nach zwölf

Durch | 30. September 2022

In meinem letzten Urlaub sind mir einige Dinge klar geworden. Zum ersten ist mir richtig bewusst geworden, dass ich alt werde. Beim Wandern in den Bergen bin ich zum ersten Mal gründlich an meine körperlichen Grenzen angeschlagen. Was ich die letzten Jahre mit Restbeständen an Fitness und Kraft kompensieren konnte, hat dieses Jahr nicht mehr funktioniert. Die Zeit der Pandemie mit wenig Training hat sicher einen Teil dazu beigetragen, dass meine Reserven knapp geworden sind. Mit knapper werdenden Reserven werden die Spielräume enger, kleine Störungen schaukeln sich hoch, Unerwartetes kann dann nicht mehr kompensiert werden. Die Resilienz ist weg.

Zum Zweiten … eine der anstrengenden Wanderungen führte an einem Gletscher vorbei, der kaum noch den Namen verdient. Ich wollte diesen Rest noch sehen, bevor er ganz verschwunden ist. Ich hatte schon befürchtet, nur noch ein Geröllfeld zu finden. Noch so ein heißer Sommer wie 2022 und der Gletscher ist Geschichte. Der Zugspitzgletscher, den ich als Kind zum ersten Mal staunend sah, ist mittlerweile weg. Diesen Sommer wurde festgestellt, dass die letzten Firnreste zu dünn sind, um eine Fließbewegung zu ermöglichen. Auch hier ist die Resilienz weg.

So lange noch ein Rest übrig ist, kann mensch leichter die Augen verschließen. Ob ein Gletscher groß oder klein ist – wen kümmert es. Die wachsenden Schmelzwasser-Seen und die resultierenden Erdrutsche sind weit weg und betreffen nur wenige.

Und nun zum Thema Klimawandel. Dieser ist mir schon lange bewusst, seit Jahren versuche ich auf verschiedenen Ebenen etwas zu tun. Ich erinnere mich an einen Ausspruch eines unserer Kinder „Warum sind wir immer so verdammt ökologisch“. Der Ernst der Lage ist mir aber erst diesen Sommer klar geworden als ich vormittags an genanntem Gletscher und nachmittags viele Höhenmeter tiefer in der Rinne von Geröll-Lawinen stand und riesige Beton- und Stahlsperren gesehen haben, die die regelmäßigen Schlamm-und Geröll-Lawinen kanalisieren helfen. Technische Vorkehrungen zur Milderung der Folgen der Erderwärmung sind wie Symptombehandlungen ohne die Krankheit zu heilen. In Europa können wir uns solche Pflaster leisten in vielen Teilen der Welt geht das nicht. Die Kratzer, an denen Pflaster helfen könnten, werden zudem immer größer und häufiger. So viele Rückhaltebecken können wir selbst in Deutschland nicht bauen, um Katastrophen wie im Ahrtal zu verhindern.

Die Hitzeperioden, die zu Todesfällen führen, lassen sich auch nicht mehr in Deutschland vermeiden. Schon jetzt sind klimatisierte Wohnungen in den Städten nur für einen Teil der Menschen erschwinglich. In vielen anderen Ländern können sich nur ein Bruchteil der Menschen Hilfsmittel wie Klimaanlagen leisten. In ein paar Jahren werden die Todesfälle durch Hitze vielleicht so häufig sein wie die Todesfälle durch Pandemien. Die Resilienz ist auch in Sachen Klimawandel weg. Jetzt beginnt es richtig weh zu tun. Jedes neue Ereignis wird einen weiteren Teil der kläglichen Reserven aufbrauchen.

Es gibt die Redewendung „es ist kurz vor Zwölf“. Diese passt hier nicht mehr. Die Welt wird sich in globalem Maßstab verändern, das lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Es bleiben nur noch zwei Handlungsfelder, die zwingend zusammen gehören. Verringerung der Geschwindigkeit der Erderwärmung sowie Linderung des menschlichen Leids und der materiellen Schäden.

Fortsetzungen folgen …

5 Gedanken an “ganz kurz nach zwölf

  1. Kata

    Ich finde bei diesem Thema, es ist für mich allgegenwärtig, fast keine Worte mehr.
    Danke für deine!

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  2. Christian W.

    Ich hätte mittlerweile Angst, noch mal in die Alpen zu reisen. Einmal wegen der Alterserscheinungen, die sich hier auch nicht mehr ignorieren lassen; vor allem aber, weil ich wahrscheinlich permanent am Heulen wäre, wenn ich die Gletscher wiedersehe, die ich in jungen Jahren so bewundert habe. – Bin gespannt auf deine Fortsetzungen, auch wenn das Thema auch fast nur zum Verzweifeln ist …

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  3. Aebby Beitragsautor

    Hallo Kata, hallo Christian,

    ich antworte gleich in einem Rutsch, ja es ist allgegenwärtig und zum Heulen. Ich bastle mir gerade eine Handlungs- und Lebensstrategie zusammen, die vielleicht ein klein wenig hilft und mich vor dem Verrücktwerden bewahrt. ich werde darüber schrieben

    Liebe Grüße Aebby

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    1. Aebby Beitragsautor

      Hallo Jörg,
      zuerst einmal Willkommen in meiner Web-Hütte. Ich denke der Text muss noch eine Woche reifen. Die erste Fassung hat mir nicht gefallen,
      LG Aebby

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