Unfall – oder der bedingte Reflex

Durch | 11. Februar 2023
Bild des provisorischen Gipsverbandes,den ich vor der Operation getragen habe.

Es ist jetzt eine Woche her, dass ich zwei Sonnenstunden für eine kleine Radtour nutzen wollte. Die Tour endete früher als geplant und reichlich abrupt. In einer Seitenstraße, die mit LKWs voll geparkt war, musste ich um einem Auto auszuweichen in eine Lücke zwischen zwei LKWs rein fahren. Beim Verlassen der Lücke kam etwas dazwischen und ich kollidierte mehr oder minder frontal mit einem der geparkten LKWs. Ein wesentlicher Teil des Aufpralls wurde von meinem linken Arm abgefangen, der hernach mit einem kapitalen Trümmerbruch versehen war.

Bevor ich noch etwas über Ablauf und Ursache des Unfalls spekuliere, möchte ich mich bei meiner leider anonym gebliebenen Helferin bedanken, sie wollte mir Ihren Namen und Ihre Adresse leider nicht verraten. Eine Frau, die zufällig vorbei kam und mir beim Aufstehen und dem hervor krabbeln unter dem Fahrrad half und sich rührend um mich gekümmert hat, bis ich abgeholt und ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Ein Moment wird mir dabei immer im Gedächtnis bleiben. Ich saß neben der Straße auf einem Stein und realisierte, was passiert war – mir wurde schlecht und kalt. Ich versuchte dann die Mütze, die ich immer in der Lenkertasche dabei habe, aufzusetzen, was mit dem kaputten Arm natürlich nicht funktionierte. Die gute Frau hat mir die Mütze dann aufgesetzt und mir meine Trinkflasche vom Fahrrad geholt, damit habe ich dann die kurze Welle der Übelkeit überstanden. Wie gesagt als wir auseinander gingen, habe ich sie nach ihren Namen gefragt, weil ich mich auf jeden Fall noch bei ihr bedanken wollte. Sie meinte aber, dass es doch eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Vielen Dank!

Nun zur Spekulation. „Der bedingte Reflex“ … So lautet der Titel einer Science-Fiction Geschichte von Stanislaw Lem. In dieser Geschichte geht es um die Aufklärung von mysteriösen Unfällen, die auf einer Forschungsstation auf dem Mond passieren. Am Ende stellt sich heraus, dass die Unfälle durch erinnerte und antrainierte Verhaltensmuster der Menschen ausgelöst werden. Die Beteiligten erinnerten sich an den ersten Unfall und versuchten beim Auftreten ähnlicher Situationen den tragischen Ausgang des ersten Unfalls dieses Mal zu vermeiden und verschlimmbesserten dadurch die Situation. Dieser Effekt wird am Ende der Geschichte als bedingter Reflex bezeichnet.

Ich war nicht auf dem Mond unterwegs sondern nur in einer abgelegenen Seitenstraße, die sogar eine Sackgasse ist. Allerdings hat die Straße am Ende eine große Wendeplatte. Dadurch qualifiziert sich die Straße, die nicht weit entfernt vom Autobahnzubringer liegt, als Wochenendparkplatz für LKWs. Sie fahren die Straße nach hinten, drehen auf der Wendeplatte um und parken dann die Straße mehr oder minder zu. Auf dem verbliebenen Rest der Straße bleibt dann nicht genügend Platz für ein normales Auto und ein Fahrrad. In meiner langen Zeit als Radfahrer habe ich gelernt und mir antrainiert, nicht auf mein Recht zu bestehen und im Zweifelsfall anzuhalten, abzusteigen, auszuweichen oder in Lücken rein zu fahren um die Autos vorbei zu lassen. Folgerichtig fuhr ich in die Lücke zwischen zwei LKWs, beim Verlassen der Lücke habe ich aus dem Augenwinkel etwas gesehen, war einen Moment abgelenkt und dann war es zu spät. Ich sah nur noch die Wand des Containers auf mich zukommen, spielte in Bruchteilen von Sekunden die Varianten des Sturzes oder Aufpralls durch … Vollbremsung, Überschlag, seitliches Ausweichen, unter den Unterfahrschutz rutschen usw. Es kam dann ein Bremsmanöver raus, bei dem der rechte Teil des Lenkers zuerst aufschlug und abgebrochen ist. Danach schlug der Lenker auf die andere Seite und mein linker Arm prallte gegen den Container, danach lag ich hinter dem LKW auf der linken Seite und das Rad über mir. Letztendlich hat mich eine Reihe von antrainierten Reflexen in eine Sackgasse geführt und den Aufprall unvermeidlich gemacht.

Es ließe sich noch weiter spekulieren, dass es vielleicht anders ausgegangen wäre, wenn die Straße trocken oder meine Reifen sauber gewesen wären. Was ich mir aber wirklich wünschen würde, dass man als Radfahrer auf einer öffentlichen Straße an der es keinen Radweg gibt, als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer wahrgenommen wird, der nicht in der Pflicht steht, auszuweichen. Den Wunsch nach einem Radweg verkneife ich mir, der wäre in diesem Fall nämlich auch von den LKWs zugeparkt gewesen.

3 Gedanken an “Unfall – oder der bedingte Reflex

  1. jim

    lieber aebby,
    ich empfinde es inzwischen zwar so, dass der natürliche feind des fußgängers nicht mehr das auto ist, sondern das fahrrad, rücksichtslos vorangetrieben von menschen mit akku und heiligenschein. aber zu denen gehörst du nicht und ich stimme dir zu, was die gleichberechtigung auf der straße angeht. gute besserung!

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    1. Aebby Beitragsautor

      Hallo Jim, ich teile deine Wahrnehmung, der Verkehr ist leider durch und durch vom „Recht des Stärkeren“ geprägt. Einen Heiligenschein habe ich definitiv nicht und mein neues Fahrrad wird auch wieder keinen Akku haben, liebe Grüße und Danke Aebby

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  2. Frau Momo

    Deinen Wunsch teile ich, auch wenn ich gerade eine Fahrradfahrerin zugerufen habe, das Licht am Rad eine wirklich feine Erfindung sei, die sie gerne nutzen sollte. Ich habe immer Angst, dass mir so eine(r) dann auf der Haube landet, weil ich das schlicht gar nicht sehen konnte. Ansonsten bemühe ich mich wirklich um Rücksichtnahme, aber ich weiß, dass viele Autofahrer das nicht tun.
    Noch mal gute Besserung!

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